Edle Strecken und Kunstbauwerke
zur Kontinuität einer fragwürdigen Mobilisierung
von ststs
Den Drackensteiner Hang kulturhistorisch betrachten
Der Drackensteiner Hang ist ein Autobahnabschnitt der A 8 zwischen Stuttgart und Ulm, der die Höhenkante der Schwäbischen Alb überwindet. Er trägt seit dem Jahr 2018 den Beinamen „schönste Autobahnstrecke Deutschlands“, zu lesen auf zwei sogenannten touristischen Unterrichtungstafeln an der Strecke. Und er steht aufgrund seiner ästhetischen sowie bautechnischen Qualität der zu größeren Teilen während des Nationalsozialismus ab 1936 gebauten und seither nahezu unveränderten Streckenführung mit der Bogenbrückenarchitektur von Paul Bonatz (1877–1956) unter Denkmalschutz.
Von der künstlerischen Recherche zum mehrteiligen Projekt
Seit dem Frühjahr 2020 beschäftigen wir uns, Stef Stagel und Steffen Schlichter wie immer bei gemeinsamen Projekten unter dem Label ststs in einer künstlerischen Recherche mit verschiedensten Aspekten des Baudenkmals Drackensteiner Hang, sowie allgemein dem Autobahnbau im Bereich der A 8 bzw. in Deutschland und Europa. Aufmerksam geworden durch die Benennung als „schönste Autobahnstrecke Deutschlands“ und irritiert durch die Bezeichnung als „Kunstwerk“ durch den damaligen Verkehrsminister haben wir recherchiert, fotografiert, gefilmt, formuliert und kompiliert. Aus den Ergebnissen der künstlerischen Recherche entstanden bisher ein Autowanderführer als Publikation, Präsentationen der Rechercheergebnisse in Form von Ausstellungen mit Künstler*innengesprächen und auch eine Reihe von geführten Autowanderungen in Kleingruppen.
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Der Autowanderführer
Der seltsam anmutende Begriff des Autowanderns wurde bereits in den 1930ern geprägt. Es handelt sich dabei um eine Kombination aus Autofahren als komfortable individuelle Fortbewegungsart und dem Erleben der Landschaft. Die Autobahn macht dies möglich, indem sie Natur und Technik auf eine als ästhetisch empfundene Weise verbindet. Eine dem Mythos Autobahn zuträgliche Sichtweise, die hinterfragt werden muss. Der Autowanderführer enthält als handliches Büchlein die Beschreibung einer genauen Streckenführung mit Stopps an ausgewählten Punkten. Die darin enthaltenen bebilderten Hintergrundinformationen klären darüber auf, warum wir den Drackensteiner Hang nicht als Kunstwerk oder Denkmal betrachtet sehen wollen, sondern als Mahnmal.
Die Präsentationen
Bisher fanden zwei Ausstellungen zum Projekt statt. Bei ersterer, im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart, wurden die Rechercheergebnisse unter dem Titel „Edle Strecken und Kunstbauwerke“ in eine mehrteilige Rauminszenierung überführt und mit unterschiedlichen Materialien und Medien, zum Teil in Vitrinen, historisch wie aktuell ergänzt. In der Ausstellung für den Kunstraum West in Ulm wurde die Präsentation mit Originalobjekten der Autobahnmeisterei in Ulm/Dornstadt variiert und dem Ort angepasst gezeigt.
Geführte Autowanderungen
Neben der individuellen Erkundung mittels Autowanderführer bieten ststs auch geführte Touren in der Gruppe an. Grundlage ist die im Autowanderführer beschriebene Strecke, erweitert durch zusätzliche Stationen und Informationen. Nach dem Abfahren der historischen Streckenführung auf den Spuren der Originalreichsautobahn wird diese zum Betrachtungsobjekt, vorgenommen aus verschiedenen Blickwinkeln. Verknüpfungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart werden spürbar. Die dabei oftmals zu bemerkende Kontinuität berührt unangenehm und fordert zu aktiver, reflektierter Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Erbe auf.